Charles Burneys Reisen und musikalische Berichte

Auf das Gerücht hin, dort gäbe es etwas zu sehen und zu hören, ließ sich Charles Burney von Florenz in das vierzig Kilometer südöstlich am Arno gelegene Figline chauffieren.
Er fand »das Städtchen voller Landleute wie bei einem Landmarkte in England, allein wenig Kutschen und keine Leute vom Stande und Lebensart«.

Um elf hörte der Italienreisende die Messe in der Hauptkirche und in dichtem Gedränge den »Abt Fibetti eine Motette mit einem außerordentlich feinen Geschmacke« singen sowie ein »niedliches Doppelkonzert«. Für die nachmittägliche Open-Air-Inszenierung eines geistlichen Schauspiels mit Unterstützung »alter Instrumente wie z.E. des Crotalon oder des Cybels« wurden »1.500 Bauern aus der Nachbarschaft beschäftigt, welche man drei Monate dazu vorbereitet hatte«, um bei David und Goliath als Israeliten und Philister gegeneinander zu marschieren, bis »David dem zu Boden geschleuderten Riesen den Kopf abhieb, viel Blut herausströmte, worüber eine Menge Zuschauer, die sich einbildeten, es sei das Blut des Menschen, der den Philister vorstellte, heftig erschraken«.

Auch wenn Burneys Hauptaugenmerk den Musikbibliotheken, Kompositionen und Aufführungspraktiken in den von ihm besuchten Städten und Ländern galt, sind seine Berichte eine ergiebige Quelle für das »Volksleben« im späten 18. Jahrhundert. Zum Schluss seiner Beobachtungen bei den Festivitäten in Figline hielt er fest: »Zum Ruhme der friedlichen Gesinnung der Toskaner muß ich bemerken, daß, ungeachtet hier wenigstens zwanzigtausend Leute bei dieser Gelegenheit versammlet und gar keine Wachen dabei waren, dennoch nicht der geringste widrige Vorfall oder Unordnung« zu vermelden war. Überhaupt sei ihm in ganz Italien kein einziger Betrunkener begegnet, was wohl auch damit zusammenhing, dass er sich eher bei Audienzen, in Kirchen und Theatern aufhielt als in Hafenvierteln.

Vor seinem Aufbruch zum Kontinent »im Anfang des Monats Junius 1770« versicherte sich der 1726 geborene Musikhistoriker und Komponist einiger Vorzüge des Londoner Musiklebens: Er rühmte den ökonomischen Nutzen der Tonkunst nicht nur für deren Betreiber, sondern auch für »die wichtigen und menschenfreundlichen Zwecke«, z.B. die Unterstützung der Spendenakquisition für Witwen und Waisen der verschiedensten Berufsgruppen oder die Milderung der »Schmerzen der Gebärerinnen«. Im großen Ganzen folgte Burney dem schottischen Historiker Adam Ferguson, der resümierte, dass »der Fortschritt der schönen Künste zumeist Teil der Geschichte der wohlhabenden Nationen ist«. Peter Burke ergänzte: Dieser Fortschritt war zuerst in Italien zu beobachten, dann in den Hansestädten sowie den Niederlanden und erreichte von dort aus West-, Nord- und Osteuropa.

In Lille mokierte sich Burney über den Einsatz des Serpents bei Kirchenmusik. Paris war ihm nicht nur den Besuch mancher Messe wert, sondern veranlasste ihn auch zur Würdigung des Concert spirituel. Er versäumte nicht, die von Kardinal Mazarin gestiftete Bibliothek zu besuchen, sich über die auf Französisch nachgemachte italienische Oper zu ärgern und die Coffeehäuser am Boulevard im Vergnügungspark vor den Toren der Stadt zu besuchen. Dort hörte er »Musikanten und Sänger – wie die in Sadler’s Well zu London, aber noch schlechter. Die Sängerinnen gehen hier mit einem Teller herum und sammeln etwas für ihre Arbeit ein. Ungeachtet sie hier oft Arien à l’Italienne singen, so hängt ihnen in Ansehung des Ausdrucks die Erbsünde noch ebenso an als unsern englischen Sängern an dergleichen Orten« (ein gewisser Dünkel bleibt unüberhörbar).

Die Reise ging recht rasch weiter ins Land, wo die Zitronen blüh’n. Da zwar so gut wie alle denkmalwürdigen Gebäude, Statuen und Gemälde Italiens längst eingehend beschrieben worden seien, aber »der Konservatorien oder Musikschulen, der Opern und Oratorien kaum beiläufig erwähnt wird«, machte sich Burney daran, dies nachzuholen. Dabei verfolgte er den »Hauptzweck, eine Geschichte der Vergnügungen des Ohrs zu beschreiben«.
Vorzugsweise traf er sich mit Prominenten und interviewte sie – Grétry, Padre Martini, Jommelli, Metastasio, Hasse, Gluck, Vater und Sohn Mozart etc. Auf dem Land bei Genf will er das explizite Interesse des alten Voltaire erregt haben (»Mein Herz schlug mir beim Anblicke eines so außerordentlichen Mannes«), wohingegen er in Padua erst kurz nach dem »Leichendienst« für den »Teufelsgeiger« Tartini eintraf. Auch dort wurde er von gelehrten und praktizierenden Musikern minutiös ins Bild gesetzt. So ist die Nachwelt über die Höhe der Entlohnung des ersten Kastraten am Ort im Bilde (wenn denn die Gewährsleute zuverlässig referierten): Signor Gaetano Guadagni »bekommt jährlich 400 Dukaten, wofür er nur gehalten ist, an den vier Hauptfesten zu singen. Der erste Geiger hat ebenden Gehalt«.

In Venedig rühmte Burney nicht nur das respektable Niveau der »Conservatorios«, sondern die Straßenmusik auch außerhalb der Karnevalszeit, die in seinen Ohren so gut klang, »daß sie in jedem anderen Lande von Europa nicht allein Aufmerksamkeit erregt, sondern den Beifall würden gefunden haben, welchen sie billigerweise verdienten«. Hier wie in Bologna, Florenz, Rom, Neapel (und zuvor schon in Paris) reflektierte er nicht zuletzt Oper als Theaterpraxis, als »optisch und auditiv jenseits des Semantischen zu erfassendes Bühnengeschehen« (Michael Walter) und nicht primär – dem vorherrschenden Zug in der Publizistik seiner Zeit folgend – als »moralische Anstalt«.

Der 1703 in London gestorbene französische Feldmarschall und Essayist Charles de Saint-Évremond hatte als Gewährsmann für die quasi selbstverständliche Arroganz gegenüber den Kulturen der Nachbarländer bezüglich der Gesangskünste resümiert: »Spanien schluchzt, Italien jammert, Deutschland brüllt, Flandern heult, nur Gallien singt«. Burney zeichnete ein sehr viel differenzierteres Bild in seinen Reportagen des Jahres 1770 und insbesondere auch mit den Berichten von einer zweiten großen Reise 1772/73 in die Niederlande, nach Deutschland und Österreich, wo das »Panorama unübersichtlicher als in Italien und Frankreich« war (Jürgen Mainka). Bezüglich der nationalen Überheblichkeit, zumal der »Langsamkeit in Begriffen und Handlungen« der Deutschen, wird man allerdings auch bei Charles Burney fündig.

Verwendete und weiterführende Literatur:

  • Charles Burney, Tagebuch einer musikalischen Reise (1770), Neuausgabe Wilhelmshaven 1980; hier insbesondere S. 134–136, 22f., 33, 29, 21, 99, 49–51, 79, 81, 86 und 224.
  • Jürgen Mainka, »Burney, Charles“, in: MGG2, PT, Bd. 3 (2000), Sp. 1319–1326.
  • Peter Burke, Die Renaissance in Italien. Sozialgeschichte einer Kultur zwischen Tradition und Erfindung, München 1988, S. 11–14.
  • Michael Walter, Oper – Geschichte einer Institution, Stuttgart 2016; hier insbesondere S. 380.
  • Tim Blanning, Triumph der Musik. Von Bach bis Bono, München 2014; hier insbesondere, S. 262.