Frühere Modelle: Christian Friedrich Daniel Schubart

Zwei Einführungen

1740 starb der Kaiser in Wien. Noch lange erfuhr er höchstes Lob: »Unter Carl VI. stieg die Musik zu einer Höhe empor, auf der man sie in Deutschland noch nicht sah. Er unterhielt hundert Sänger und Sängerinnen und über drey hundert Instrumentisten. Seine beiden Kapellmeister Fuchs und Caldara, waren die gründlichsten Tonsetzer der Welt«, liest man, vielleicht mit leichtem Stirnrunzeln, bei Christian Friedrich Daniel Schubart.

 

Der war Schullehrer, Poet und ein musikalisches Multitalent, zugleich einer der ersten politischen Journalisten in Deutschland, aber ein nicht immer zuverlässiger Musikpublizist. Mehr als zehn Jahre rechtswidrig eingekerkert, diktierte er in der Haft dem Sohn des Festungskommandanten seine Ideen zu einer Ästhetik der Tonkunst.

Dieser fragmentarische Entwurf einer Topographie der Musik wurde ohne Zugang des Autors zu einer Bibliothek zu Papier gebracht. Schubarts Sohn edierte ihn unzulänglich redigiert 1806 in Wien. Er enthält sozialgeschichtlich aufschlussreiche Hinweise zu dem, was drei Jahrzehnte zuvor von der Musik und vom Musikleben an verschiedenen deutschen Fürstenhöfen überregional bekannt war, aber auch – wie anders! – Ungenauigkeiten, Irrtümer und Übertreibungen. Z.B. hinsichtlich eines Opern-Air-Spektakels auf dem Prager Hradschin 1723, bei dem im Zuge der Krönung Karls VI. zum König von Böhmen anlässlich des Geburtstags der Kaiserin Elisabeth Christine die Festa teatrale Costanza e Fortezza des gichtkrank in einer Sänfte herbeigetragenen Johann Joseph Fux über die Bühne ging – mit prominenter Verstärkung des von Antonio Caldara geleiteten Orchesters durch Giuseppe Tartini, Carl Heinrich Graun und Jan Dismas Zelenka. Es wurde also, so berichtete Schubart über die umlaufende Fama, zu Prag »unter freyem Himmel eine Oper aufgeführt, dergleichen bisher keine in der Welt noch gesehen worden. Der Sänger und Instrumentisten waren über tausend Menschen. Vier Capellmeister standen auf Anhöhen und lenkten den Musiksturm. Über fünfzig große Flügel accompagnierten, und Virtuosen ließen sich da hören von allen Orten und Enden Europens. Die große Idee wurde auch trotz ihres gigantischen Entwurfs vollkommen gut ausgeführt; allein, von der Kostbarkeit zu schweigen denn die Aufführung dieser Oper kostete dem Kaiser 300.000 fl. (~7 Mio. €). So konnte der Erfolg nicht groß seyn, weil die musikalischen Maschinen zu sehr zusammengesetzt waren und welscher, deutscher und böhmischer Vortrag einander durchkreuzten. Diese ungeheure Oper fand auch nachher, gewiß aus erstgedachten Gründen, keinen Nachfolger oder Nachahmer«. Es könnten freilich auch etwas weniger Mitwirkende, Cembali und Gulden gewesen sein. Zeitnah hat niemand nachgezählt.

Vorgeschichte und Aufstieg des Mannheimer Orchesters

Aus der Nähe lernte Schubart die Kapelle kennen, die sich am unteren Neckar bereits ein halbes Jahrhundert lang profiliert hatte. Herzog Karl III. Philipp von Pfalz-Neuburg, kaiserlicher Statthalter in Tirol, beerbte 1716 seinen in Düsseldorf kinderlos gestorbenen Bruder, den Kurfürsten Johann Wilhelm II. Er löste die Düsseldorfer Hofkapelle zunächst auf, stellt die meisten Musiker jedoch dann wieder ein und integrierte sie in die Innsbrucker Hofkapelle, die damals Johann Jacob Greber leitete. Das 1718 zuerst in Neuburg neu formierte, dann nach Heidelberg umgesiedelte Orchester residierte ab 1720 in Mannheim und wurde von dort aus in ganz Europa zum Begriff.

Nach dem Dreißigjährigen Krieg und den Raubkriegen Ludwigs XIV. »ward die Pfalz eine Einöde«, rief Schubart aus der Perspektive des Jahres 1773 in Erinnerung. »So langsam als sich nach dieser wüthenden Zerstörung die Pfalz erhohlte, ebenso langsam erhohlten sich auch die Künste, und mit diesen die Musik. Die Churfürsten traten zur katholischen Religion über, aber die Tonkunst verlor dabey nichts – sie gewann vielmehr: denn von jeher haben die Katholischen die Musik weit mehr begünstigt, als die Protestanten«. Anfang des 18. Jahrhunderts wurde »zur Unterhaltung der fürstlichen Musik, ein Vermächtniß von 80.000 fl jährlich gestiftet (knapp 2 Mio €). Dieß Vermächtniß ist so fest gegründet, dass es kein Churfürst mehr umstoßen kann. Daher darf es niemand wundern, wenn die Musik in der Pfalz in kurzem zu einer so bewundernswürdigen Höhe aufstieg«. Zu dieser trug auch die soziale Absicherung der Musiker bei, über die Charles Burney 1773 berichtete: »Wenn sie dem Kurfürsten eine Zeitlang gedient haben oder durch Krankheit ihre Stimme verlieren oder sonst unbrauchbar werden, so erhalten sie eine artige Pension«.

Kurfürst Karl, resümierte Schubart, »zog nicht nur die ersten Virtuosen der Welt an seinen Hof, errichtete musikalische Schulen, ließ Landeskinder von Genie reisen; sondern verschrieb auch noch mit vielen Kosten die trefflichsten Stücke aus ganz Europa, und ließ sie durch seine Tonmeister aufführen. Dadurch unterschied sich gar bald die Manheimer Schule von allen andern: in Neapel, Berlin, Wien, Dresden war der Geschmack bisher immer einseitig geblieben. So wie ein großer Meister den Ton angab, so hallte er fort – bis wieder ein anderer auftrat, der Geisteskraft genug besaß, den vorigen zu verdrängen. Wenn sich Neapel durch Pracht, Berlin durch kritische Genauigkeit, Dresden durch Grazie, Wien durch das Komischtragische auszeichneten so erregte Manheim die Bewunderung der Welt durch Mannigfaltigkeit«.

Perfektion und Dynamik

»Die abwechselnde Laune des Fürsten trug sehr viel zu diesem Geschmacke bey. Jomelli, Hasse, Graun, Traetta, Georg Benda, Sales, Agricola, der Londoner Bach, Gluck, Schweizer – wechselten da Jahr aus Jahr ein mit den Compositionen seiner eignen Meister ab, so dass es keinen Ort in der Welt gab, wo man seinen musikalischen Geschmack in einer Schnelle so sicher bilden konnte als Manheim.  Wenn der Churfürst in Schwetzingen war und ihm sein vortreffliches Orchester dahin folgte, so glaubte man in eine Zauberinsel versetzt zu sein, wo alles klang und sang. Aus dem Badehause seines Hesperiden-Gartens ertönte Abends die wollüstigste Musik; ja aus allen Winkeln und Hütten des kleinen Dorfs hörte man die magischen Töne seiner Virtuosen, die sich in allen Arten von Instrumenten übten«.

Das schöne Ganze

»Kein Orchester der Welt hat es je in der Ausführung dem Manheimer zuvorgethan. Sein Forte ist ein Donner, sein Crescendo ein Catarakt, sein Diminuendo – ein in die Ferne hinplätschernder Krystallfluß, sein Piano ein Frühlingshauch. Die blasenden Instrumente sind alle so angebracht, wie sie angebracht seyn sollen: sie heben und tragen, oder füllen und beseelen den Sturm der Geigen. Auch in der Singkunst hat sich diese Schule rühmlichst ausgezeichnet, obgleich das Chor der Sänger und Sängerinnen hier nie so glänzend war als in Berlin und Wien. Deutsche und welsche Sänger haben sich in dieser großen Schule gebildet – und sind hernach der Stolz anderer Musikchöre geworden. Doch sind noch weit mehr vortreffliche Instrumentalisten aus dieser Schule hervorgegangen«. Als Zeuge für die Triftigkeit des Urteils wird der namhafteste deutsche Dichter der Ära aufgeboten: »Als Klopstock das dasige Orchester hörte, rief der große, selten bewundernde Mann extatisch aus: ›Hier schwimmt man in den Wollüsten der Musik!‹ – Alle Arten der Tonkunst werden daselbst mit äußerster Genauigkeit cultivirt«. Insbesondere auch die Kammermusik habe »Feuer, Größe, Stärke, Abwechslung von vielen der besten Virtuosen; auch Abwechslung des musikalischen Styls – und in der Simphonie strömt alles in ein unaussprechlich schönes Ganzes zusammen«.
1777 erbte Kurfürst Karl Theodor von der Pfalz Bayern und verlegte seine Residenz nach München. Die meisten Musiker folgten ihm und verstärkten die dortige Hofkapelle, die bis auf den heutigen Tag als Bayerisches Staatsorchester maßgeblich zum musikalischen Glanz an der Isar beiträgt.

Verwendete und weiterführende Literatur:

  • Christian Friedrich Daniel Schubart, Ideen zu einer Ästhetik der Tonkunst, Wien 1806, S. 76–79.
  • Thomas Betzwieser, Johann Joseph Fux; in: MGG2, PT, Bd. 3 (2002), Sp. 305.
  • Hartmut Schick, Vorwort zu: Christian Friedrich Daniel Schubart, Sämtliche Lieder (Strube) München 2000.
  • Brigitte Höft/Liselotte Homering, Mannheim; in: MGG2, ST, Bd. 5 (1996), Sp. 1635–1639.
  • Charles Burney, Tagebuch einer musikalischen Reise (1770–1772), Neuausgabe (Heinrichshofen) Wilhelmshaven 1980; hier insbesondere S. 224.