LV 19W316361 Schreiben über Musik

Schreibwerkstatt für angehende Musik- und Tanz-Wissenschaftler
Freitag, 25.10.2019, 9:15 13:15 (zwei Pausen)

Block 1:
Einführung: Inklusives oder exklusives Schreiben über Musik?

Heutige Stellungnahmen und frühere Modelle
(Noltze, Deutsche Bühne 4/2019 / Schubart, Burney)

Teil 1:
Heutige Stellungnahmen

Aufgabenstellung:

    • Fassen Sie den Text von Holger Noltze und den Verlauf des Redaktionsgesprächs in kurzen Punkten (Stichworten) zusammen
    • Entwickeln Sie eine kurze Stellungnahme/Thesen zur Reichweite der beiden Texte: Umreißen sie Ihrer Ansicht nach die Problematik zutreffend und ausreichend?
    • Gibt es Punkte/Themenbereiche, die Ihrer Ansicht nach bei den beiden folgenden Texten fehlen?

-> Die Deutsche Bühne 4/2019 (Schwerpunkt: Die Zukunft der Kritik), S. 58 61:

(1) Und nun?

Die große Kritik hat es schwer in einer sich immer kleinteiliger differenzierenden Medienwelt. Aber die böte immerhin wunderbare Plattformen für wertvolle Inhalte

von Holger Noltze

Als Hans Magnus Enzensberger, der große Diskursartist, 1988 eine Rezensentendämmerung beschwor, wo bald bloß noch Zirkulationsagenten oder gar Pädagogen ihr Unwesen trieben, da waren sie ja noch da, deren Fehlen wir jetzt beklagen, die Kaisers und Reich-Ranickis, Die Frankfurter Allgemeine Zeitung beschäftigte noch eine ganze Musikredaktion. Und es war von Interesse, wie wer was fand, man hatte noch Platz, Raum für Beschreibung und Argumentation, Einordnung und Kontexte. Was im Rückblick als Blüte erscheint, sah also, Enzensberger folgend, damals schon welk aus. Und was dann kam, war triste Aussicht ins Trübe, Bestätigung des sicheren Wissens, dass nach uns nun aber nichts Nennenswertes mehr kommen könne.

Ich kenne das Lied, es begleitet mich seit Volontärs- und Jungredakteurstagen in der damals noch Kulturabteilung des WDR; seit der Auftakttagung zur Eröffnung des Studiengangs Musikjournalismus an der TU Dortmund, wo mir bedeutende ältere Kollegen viel Glück wünschten, aber sich nicht recht vorstellen konnten oder mochten, was hier denn noch und überhaupt zu lehren sei. Vergebene Liebesmüh.

Inzwischen ist der große Kaiser tot, der sich als der letzte Mohikaner sah. Immerhin fanden sich jüngere Kolleginnen und Kollegen, die die Geschichte des endlosen Untergehens als allerletzte Mohikaner weiterzuerzählen bereit waren. Und so weiter. Lange schon ist das Lamento das Lieblingsgenre der Zunft ich sage nicht: immer schon, E.Th.A. Hoffmanns famose Großkritik von Beethovens Fünfter im Kopf, der 1810 zur Erhellung des Publikums ja nicht nur Noten in den penibel analysierenden Text rückte, sondern auch vor allerhand Metaphern und sogar poetischen Erzählungen nicht zurückschreckte. So lange wird nun schon geklagt, dass man die Klage als wohl unvermeidlichen Basso continuo eines darüber denn doch allzeit pragmatischen Weiterwurschtelns abzutun geneigt ist. Diesmal aber scheint es ja wirklich ernst, denn die Geschäftsmodelle der Großkritik sind in Frage gestellt.

Radio gehört, Deutschlandfunk: Die Hochschule Luzern hat herausgefunden, dass mehr Menschen als gedacht substanzielle Musikkritik schätzen und lesen. Also tatsächlich wird Musikkritik immer noch respektiert und gebraucht und erwünscht. Wir haben Stichproben gehabt von etwa 1200, und etwa zwei Drittel davon haben gesagt, sie lesen und hören regelmäßig Musikkritik so hört man. Das ist eine gute Nachricht. Die schlechte ist: Die gleichen Menschen wissen kaum zu sagen, wo genau sie das denn tun. Von den einstigen Premiumlieferanten aus Frankfurt und München fühlen sie sich nicht mehr ausreichend bedient und greifen zum britischen Gramophone oder zu BBC Music. Die Ergebnisse basieren auf plausibler Empirie und einer beträchtlichen internationalen Befragtenbasis von musikhörenden Menschen und könnte diejenigen nachdenklich stimmen, die, in den Entscheider-Etagen der großen Zeitungen und des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, dem Untergang des sogenannten Bildungsbürgertums womöglich allzufix vorauseilend, eine verlässliche, differenzierte Kulturberichterstattung und sachverständige Bewertungsarbeit für entbehrlich halten.

Dann lesen oder hören die gegen den Trend beharrlich Interessierten halt anderswo, und vielleicht haben wir es bei diesen Adressaten ja auch gar nicht mit den letzten Mohikanern von Kulturbürgern zu tun, sondern schon mit der Vorhut eines neuen Nutzertyps mit wohl weiter gestecktem Interesse an Musik (Theater, Literatur, Kunst), aber mit dem Bedürfnis nach dem, was gute Kritik kann: informieren, einordnen, anregen, anstecken. Dem Befund, dass eine relevante Gruppe auf sachverständige Kritik über Dinge der Kunst gern weiterhin nicht verzichten möchte, aber von den deutschsprachigen Leitmedien nicht bedient wird, schließt sich also die Frage an, ob es sich bei dieser relevanten Gruppe um Übriggebliebene einer alten Welt oder die Avantgarde eines neuen Publikums handelt, dem in Museen, Konzertsälen und Theatern ja durchaus zu begegnen ist. Wie dem auch sei: Es gibt sie offenbar, die Anspruchsvollen, die mehr wollen als die geistige Zwangsdiät, die ihnen von den Landeskulturwellen verordnet wird, wo, wenn es um klassische Musik geht, am liebsten Lieblingsstücke rauf und runter gespielt werden, die Nummern sicher, flankiert von programmflusstauglichen Anekdoten. Es gibt sie, auch wenn sie aus dem Fokus der Quotenanalysten in den Medienhäusern geraten sind.

Zeitung gelesen. Denn dass nun gar nicht mehr rezensiert würde, ist ja auch nicht wahr. Zart, aber ohne Weinerlichkeit, in einem Moment, dessen dunkel drückende Intimität das Zuschauen zudringlich erscheinen lässt, beginnt etwa der Redakteur im Feuilleton des bedeutenden Blattes aus Frankfurt seine Kritik eines Opernabends mit Bizets Perlenfischern, lobt das falsettierte, dafür aber korrekt pianissimo erreichte H des Tenors und fühlt sich bei so viel behutsamer Zurückhaltung nun schon ganz proustianisch an die frühen Lieder von Gabriel Faure erinnert, schwarzgraue Barkarolen menschlicher Haltlosigkeit wie Les berceaux oder Au bord de l’eau, in denen die zum Rhythmus gewordene Wassermetaphorik für den schwankenden Grund der Existenz über das Ohr in unser Gemüt dringt … Und so weiter.

Fühlen wir mit? Bewundern mindestens die fabelhafte Repertoirekenntnis des Kritikers? Oder haben wir uns am Ende des Absatzes schon ganz dem zartgrauen Barkarolenwiegesound hingegeben und das Hirn ausgeschaltet? Oder entschieden, dass einem die Faure-Referenz und alle Barkarolen der französischen Musik der zweiten Hälfte des J9. Jahrhunderts wenig helfen, zu verstehen, was bei diesem Stück, in dieser Inszenierung, an diesem Abend der Fall gewesen sein mag? Journalistenpoesie, Schwurbel. Ich liebe das ja. Aber ich vermute auch, dass es hier nicht mehr zuerst um eine wichtige Mitteilung über eine wesentliche Kunstanstrengung geht, sondern um Sound, Codes, einen sachte schaukelnden Nachklang des Feuilletons von früher, eine Biotop-Bespielung, Milieu-Vergewisserung. Musikcricri, wie der Kollege Frank Hilberg das in einem böse treffenden Rundumschlag in die Runde der Musikkritikerkollegen nannte (MusikTexte 141, S. 25 ff.), anlässlich einer in der Tat und genau besehen enormen Schwurbelproduktion, wo es doch um kritische Würdigung von Mark Andres Oper wunderzaichen gegangen wäre; Verfasser dieses Beitrags übrigens eingeschlossen. Peinlich.

Hilberg hatte recht. Wo die Kritik ihren Sitz im Leben leidenschaftlich an Kunstsachen interessierter Leser verloren zu haben scheint, Kritiker vor allem als Journalisten agieren müssen und, statt sich vorab in die Partituren uraufzuführender Werke zu vertiefen, auf Grundlage oft oberflächlichen Vorwissens einfach mal hingehen und erste Eindrücke protokollieren, da gerät die Rezension bald zum Erlebnisbericht, und wir Leserinnen und Leser sind schon froh, wenn der SchwurbeI wenigstens plausibel klingt.

Die digitale Revolution, alles umwälzend wie einmal die industrielle, womöglich umwälzender, hat mit all dem, dem Strukturwandel der kunstkritischen Teilöffentlichkeit, wenig Mitleid. Während in den Zeitungsredaktionen und Rundfunkanstalten, den medialen Hauptakteuren der vordigitalen Welt, noch die Grabenkämpfe zwischen Offlinem und Onlinem toben; während das Internet nach wie vor als wenig inspiriertes Spiegelbild von konventionellen Offline-Inhalten missverstanden wird, indem man massenhaft und ebendrum kaum noch wahrgenommen Content ins Netz stellt“ oder es als längenunbegrenzte Abladestelle für alles nutzt, was in die Hauptkanäle (die Printausgabe, das lineare Fernsehen oder Radio) nicht mehr passt währenddessen schafft: sich das Netz eigene Formate, und der größte Treiber der digitalen Welt sind bekanntermaßen die sozialen Medien. Für fragile Faure-Assoziationen ist da wenig Platz. Interessant der Shitstorm, den der Grünen-Chef Habeck erlebte, als er seinen Twitter-Account schloss, nachdem er sich eingestehen musste, dass das Format einer 280-Zeichen-Botschaft einen unguten Hang zur Zuspitzung, zum Zynismus, zum Unbedachten entfaltet. Habeck wurde als eitler Spielverderber verspottet; der strukturelle Zusammenhang aber, dass the medium the message ist, wurde von vielen Kommentatoren schlicht geleugnet Himmel, lass Hirn regnen! Wir werden es brauchen.

YouTube geguckt Das Video, in dem ein MIT-IT-Forscher am Beispiel des Reiskörner-auf-dem-Schachbrett-Beispiels (schaue hier: httpsJ!www.youtube.com/watch?u=AZsePL36BbU) die unfassbare Dynamik des Webs beschreibt. Ich fasse zusammen: Wir haben nicht einmal eine leise Ahnung, was wir alles noch gar nicht ahnen, was da noch kommt. Von Kulturberichterstattung, Großoder Kleinkritik war naturgemäß keine Rede. Aber statt mit den Kollegen von der Onlineabteilung darüber zu streiten, wie teasing ein teaser sein darf, ließe sich vielleicht mit Gewinn einmal über ein paar Aspekte und Möglichkeiten des Internets und einige Entwicklungslinien nachdenken, die heute zumindest erkennbar sind, auch wenn wir nicht wissen, wohin das alles führt.

Fünf Stichworte zum Schluss:

    1. Das Verknüpfungsprinzip …
      ließe sich durchaus raffinierter nutzen, als es in der noch meist banalen Verlinkungspraxis der Fall ist, als niederschwellig didaktisches Werkzeug und künstlerisch assoziatives Anregungspotenzial. Um beim nun schon strapazierten Beispiel zu bleiben: Wenn ich auf Bizet Faure reimen will, bleibt das dann keine tendenziell wichtigtuerische Undurchsichtigkeit, sondern wird nachprüfbar: Ich kann nachhören, verstehen oder verwerfen.
    2. Dem noch allfälligen Trend zur Entdifferenzierung …
      könnte ein Gegentrend erwachsen. Die Organisation von Aufmerksamkeit und Einlässlichkeit ist doch komplizierter als die schlichte Katzenbild-Binsenweisheit: dass ein Inhalt nur kurz und simpel genug sein muss, um populär sein zu können. Die Logik des Netzes taugt auch sehr dazu, vom Trivialen zum Differenzierteren zu kommen. Man könnte sie nutzen.
    3. Verfügbarkeit, Entörtlichung:
      Dass alles überall zu haben ist, dass mir ein billiges Streaming-Abo etwa die gesamte Musikgeschichte hörbar macht, muss kein Nachteil sein. Auch nicht, dass Konzerte, Opern, Theater im Livestream zu haben sind. Nebeneffekte auf das kritische Gewerbe: Statt freischwebend über einmalig unwiederholbare Ereignisse zu raunen, wird der Kritiker zum Begleiter bei einer Urteilsfindung. Zeichendeutungshelfer. Wenn die Bayreuther Premiere im Netz gesehen werden kann, wird der privilegierte Zugang allein nicht mehr genügen, um die Mitteilung, wie es war am Gral, relevant erscheinen zu lassen.
    4. Kuratierung.
      Im weiteren Sinne Pflege und Kontextualisierung von als wertvoll gesehenen Gegenständen. Kann eine inspirierte und plausibel argumentierende Kritik nicht ersetzen, wird aber in den Kommunikationsprozessen über Kunst eine wesentliche Rolle spielen, als Auswahlinstrument angesichts der unüberschaubaren Verfügbarkeit von allem.
    5. Feedback.
      Es wird zurückgetextet: Segen und Fluch. Wo jeder auf alles reagieren kann, stehen die Schleusen für Sinn und Unsinn offen. Ozeane von Liebe und Hass. Fanforen ersetzen keine professionelle Kritik, sondern sind das Hintergrundrauschen, vor dem sich professionelle Kritik bewähren muss. Aber auch kann.

Für die Kritik sind das nicht nur schlechte Nachrichten. Zwischen den sinnfreien Bewegungsmeldungen aufgescheucht herumtwitternder Adabei-Kommunikation und den Schanzwerken der alten Schule, die sich längst schon selbst genug ist und einfach weitermacht, öffnet es ein freies Feld für etwas, das ich postheroisch professionelles campanionship (ppc) nennen würde. Freundliche Begleitung zum Wesentlichen, auf der Grundlage von Sachverstand und Aufgeschlossenheit für die Formen und Möglichkeiten digitaler Kommunikation.

Holger Noltze ist Professor am Institut für Musik und Musikwissenschaft (Musik und Medien) an der TU Dortmund und baute den Studiengang Musikjournalismus“ auf.

    • Geboren 1960 in Essen
    • Promotion zum Dr, phil.
    • 1990 WDR-Volontariat, danach Redakteur und Moderator
    • Ab 1997: Literaturredakteur (WDR 3) und Moderator der WDR 3 Musikpassagen
    • 2000: Wechsel zum Deutschlandfunk, Ressortleiter Aktuelle Kultur.
    • 2010: Die Leichtigkeitslüge. Über Musik, Medien und Komplexität
    • 2013: Liebestod. Wagner, Verdi, wir
    • Gründer der Online-Plattform takt1 für klassische Musik

–> Die Deutsche Bühne 4/2019 (Schwerpunkt: Die Zukunft der Kritik), S. 62–65: