Eine Schönheitsoperation von Kopf bis Fuß

Hauptstadttheater
Brechts und Weills „Dreigroschenoper“ im Theater an der Wien

Seit zehn Jahren wird das Theater an der Wien – im späten 20. Jahrhundert zum Musical-Theater umgewidmet – wieder als Opernhaus bespielt. Das Jubiläum wird u.a. mit festlichen Konzerten begangen (wiewohl der Haupt-Festdirigent Nikolaus Harnoncourt altersbedingt nicht mehr zur Verfügung steht), mit einer Erinnerung an den im Vorgängerhaus uraufgeführten „Fidelio“ und mit jener Anti-Oper, die Bertolt Brecht und Kurt Weill 1928 über Nacht grenzüberschreitend berühmt machte.

Die „Dreigroschenoper“ traf Ende der 20er Jahre den Nerv der Zeit, indem sie John Gays und Pepuschs akkurat zweihundert Jahre zuvor entstandene Beggar’s Opera adaptierte und die urbanen Zustände thematisierte: Dickicht und Unwirtlichkeit der Städte, organisierte Straßenbettelei, Kriminalität, Prostitution, Korruption sowie die segensreiche Entfaltung des Bankenwesens. – Der britische Regisseur Keith Warner inszenierte, der aus Köln stammende Dirigent und Komponist Johannes Kalitzke leitete das Klangforum Wien.

Der höhnisch süße und von Kurt Weill raffiniert „verbeulte“ Sound wird in Wien wie ein alter Sessel sorgfältig restauriert. Er wird dadurch glänzend poliert zu neuer alter Schönheit, erhält antiquarischen Wert. Durch das Dirigat von Johannes Kalitzke wird jede Einlage zur Preziose. Schon die Ouverture: ein Kabinettstück mit edler Patina!

Das Sängerdarsteller-Ensemble wurde unterm Aspekt nostalgischer Schönheit und Operntonhaftigkeit zusammengestellt: Der von den Salzburger Festspielen bis nach Los Angeles und Tokio gefragte und gefeierte Bassbariton Florian Boesch intoniert die Partie des Jonathan Jeremiah Peachum, als stünde die entsagungsvolle Schöne Müllerin auf dem Programm und nicht das verschlagene Gewinnstreben mit einer pfiffigen Geschäftsidee. Die Gattin Celia, die als Frau und Mutter schon bessere Tage gesehen hat, wird von Angelika Kirchschlager als Grande Dame mit kammersängerischer Würde gegeben.

Analoge Nobilitierung erfährt die Partie der Tochter Polly, die Nina Bernsteiner mit der säuberliche Frische einer blonden Pamina bestreitet. Erst recht in den sängerischen Adelsstand erhoben wird die Spelunken-Jenny, der Anne Sofie von Otter Anmut und Würde sowie den Gestus abgedämpfter Leidenschaft und reifen Verstand verleiht. Wunderbar. Gewiss: Es geht auch anders, aber so soll es offensichtlich auch sitzen, liegen und stehen.

Wenn sich die anfänglichen Theaternebel lichten, offenbart sich eine Vorstadttheaterbühne, die Keith Warner sowohl von hinten wie von vorn bedienen lässt – vollgerümpelt mit abgegriffenen Requisiten der 50er Jahre und den davor liegenden Hausratsepochen. Der Rück- bzw. Vorgriff erfolgte, wie der Regisseur erklärte, weil dies „perfekt zu unserer derzeitigen Königin“ passe, „die 1953 gekrönt wurde“. Es ist zwar nicht die Monarchin der Wiener; wird dies auch nicht, wenn am Ende eine Parodie von Elizabeth II vom Schnürboden herabgelassen wird, um Herrn Macheath höchstpersönlich Leben und Freiheit zu schenken. Ach ja: Dieser Mackie Messer ist der einzige, der für eine große Partie keine Opernstimme mitbringt. Der sportliche Tobias Moretti, der mit jeder Geste und jeder Faser seines gut sitzenden weißen Anzugs unterstreicht, dass er vom Straßengangster zum honorigen Geschäftsmann mutieren möchte, erweist sich ohne Einschränkung als Sympathieträger. Diesem smarten Frauenbeglücker, der für seine Interessen manchen Klimmzug macht, traut man den erfolgreichen Verkauf von Lebensversicherungen ebenso zu wie die besten Kontakte zu den Behördenspitzen. Für seine menschliche Größe spricht, dass er den Folgen der königlichen Gnade, die ja seine Eheprobleme nicht löst, schlussendlich aus dem Weg geht, indem er sich mit dem so lange auf ihn wartenden Strick stranguliert und in die Höhe erhebt.

Keith Warner stellte, unter mancherlei Anleihen beim Boulevardtheater, ein Kammerspiel durch, das in der lang und länger sich hinziehenden zweiten Halbzeit zunehmend zu einer Nummern-Revue degeneriert. Das alles ohne optische oder akustische Hinweise auf das Fortbestehen des von Brecht thematisierten Konfliktpotentials. Kurz: Das garstige Stück wurde einer Ganzkörperschönheitsoperation unterzogen. Über dem vielen Wohlklang mochte man am Ende glatt vergessen haben, dass die musikalische Grundausstattung aus den Jahren der Weimarer Republik keineswegs so edel, hilfreich und schön gemeint und gemünzt war, wie sie nun in der Jubiläumslaune des Theaters an der Wien klingt.

Deutschlandfunk, „Kultur heute“, 14.1.2016