Salzburg

Schöner Wohnen

Erwartungsfroh pilgert man immer wieder dem senkrecht über den Festspielhäusern sich erhebenden Felsriegel zu, obwohl an wenigen anderen Orten dieser Erde einer der gemeisselten Sätze Theodor W. Adornos so wahr ist wie in Salzburg: „Kunst ist dem Nepp verwandt“.

Auch Sven-Eric Bechtolf, der interimistische Künstlerische Leiter des Sommerfestivals, bemühte beim Bewerben seiner neuen Mozart-Inszenierung Adorno – ein Bonmot, mit dem dieser einen sich besonders intelligent wähnenden Hohlkopf abkanzelte: „Dann erzählen Sie ’mal das Finale 2. Akt Figaro nach“. Bechtolf versuchte schon gar nicht, den Höhepunkt der Verwirrung von Herzen und Familieninteressen bei diesem turbulenten Septett zu ‚erzählen‘. Er liess die schick angezogenen Almavivas und ihr Personal Richtung Rampe singen und Sekt trinken.

Sie tun dies in einem schmucken Herrenhaus aus der Biedermeierzeit, von dem man zunächst Parterre und Treppenhaus, dann die Küche im Souterrain und den Weinkeller, schliesslich die Orangerie mit Gewächshäusern sieht. Meist geht es lebhaft zu und wird mit bewährten Gags des Boulevard-Theaters von vorgestern antichambriert, intrigiert und illusioniert. Als hätte die unter Dan Ettingers Leitung so leichtweg, mit Brio und Innigkeit durchmessene Musik nicht Bemühung auf der Höhe der Zeit verdient – zumal bei den Salzburger Kassa-Preisen. Am Sänger-Team, in dem Luca Pisaroni und Anett Fritsch die prominentesten Namen sind, lag es nicht, dass nun auch – nach „Così fan tutte“ 2013 und „Don Giovanni“ 2014 – die dritte Salzburger Mozart-Neuproduktion ein künstlerisches Armutszeugnis ablegte.

Das Schluchzen des reichen weißen Mannes

Als pièce de résistance präsentierten die Festspiele zum Auftakt Wolfgang Rihms „Die Eroberung von Mexico“. Anfang der 90er Jahre – der Karlsruher Komponist hatte den Surrealisten Antonin Artaud für sich entdeckt – montierte er sich aus dessen Texten und Gedichten von Octavio Paz ein Libretto zur System- und Machtkonfrontation des aztekischen Jahres 13 Hase (1519 n.Chr.). Es geht um Fragen, die aus dem geschichtlichen Zusammenprall der Kulturen und soziokultureller Denkformen abgeleitet und fortgesponnen wurden – ganz in die Sphäre des individuell Psychologischen. Auf den Punkt gebracht in der Begriffstrias „Neutral – männlich – weiblich“. Dabei steht für Rihm die Partie des Aztekenherrschers Motēuczōma Xōcoyōtzin für das weibliche Prinzip, das männliche wird mit Hérnan Cortés konnotiert.

Auch bei der Wiederbegegnung mit dieser im weitesten Sinn ‚expressionistischen‘ Musik besticht die harte Klarheit, mit der Konfliktpotentiale sich Laut verschaffen. Ingo Metzmacher erweist sich als kompetenter Sachwalter der Kontraste wie der Zusammenhänge. Partitur und Realisierung greifen auf den ganzen Theaterraum aus – die extrabreite Felsenreitschule macht es den Trommlern alles andere als einfach, bei der „Vorahnung“ ihr ausladendes Crescendo unisono anschwellen zu lassen. Die Nervosität der Beunruhigung wie die Kulmination der insistierenden instrumentalen Kampf- und Schreckens-Passagen haben in den gut zwei Dutzend Jahren seit der Uraufführung wenig vom Stachel wider musikdramatischen Quietismus eingebüsst. Angela Denoke, die mit ihren hohen Tönen, spitzen Schreien und elegischen Lineaturen ein stimmliches Kapital besonderer Art einbringt, verkörpert Montezuma. Häufig singt sie die gleichen Worte wie der noble Cortez-Darsteller Bo Skovhus – aber eben mit ganz anderer Intonation.

Ein stinknormal eingerichtetes Zimmer wurde vom Bühnenbildner Johannes Leiacker auf die Wracks eines Autofriedhofs gepackt. An der Wand über der Sitzgarnitur: Frida Kahlos Ölgemälde „Der verwundete Hirsch“. Das macht Sinn mit dem doppelten Bezug zu mexikanischer und Heiligen-Geschichte. Peter Konwitschny erzählt in und um den Zimmer-Guckkasten die Verklemmungen, Fürsorglichkeiten, Entzweiungen und schließlich den tödlichen Zwist eines modernen mittelständischen Paars, zwischen dem weder ethnische noch Bildungs-Unterschiede zu bestehen scheinen. Die Regie weicht dem Clash der Kulturen aus. Allerdings erfrischt manch fröhliches optisches Detail. Wenn Skovhus bei Denoke erstmals vorstellig wird, dann kommt er mit einem Strauss roter Rosen (während sie noch die Fransen des Teppichs in Reih und Glied bringt). Die Peinlichkeiten stauen sich auf. Und wenn er ihr dann an die Wäsche geht, deutet sie erst einmal Migräne an. Dann aber dringen sie irgendwie doch noch zu Formen festerer Lustbefriedigung und ungesunden Stellungen vor (mit Fesseln und Intensivgesang). Wenn von „den Wohltätern“ die Rede ist, die Moctezumas Reich heimsuchen, dann fährt Skovhus mit einem roten Porsche-Cabrio vor die Schrottkarossen: Ausdruck formvollendeter Männlichkeit (in Salzburg wäre ein Audi der obersten Schadstoffklasse eher angezeigt …). Weiblicher Unwille nimmt intensive Formen an, indem die Monte Zuma mit ihren beiden besten Freundinnen durch die Publikumsreihen drängelt und dem Festspielpublikum hautnah zusingt: „Wie Schweine wühlt ihr im Gold“. Da deutet sich für einen Augenblick an, dass sich der Rihmschen Musik zu nichtgegenständlichen Bildern auch eine andere Geschichte hätte aufpfropfen lassen. Doch es geht weiter auf dem Zweisamkeits-Parcours, der in einen Geburtsvorbereitungskurs mündet. Die Männer halten sich durch reichlich Alkohol aufrecht, die Frauen überbrücken die Zeit mit hilfreichen Handgriffen. Denoke entbindet Fünflinge: Laptops, Tabletts, e-Phones. Mit denen geht es, zur martialischen Eskalation des Sounds, zu einem Massaker aus Videothek und Play-Station.
Das Kraftwerk des Rihmschen Musiktheaters hat den frühneuzeitlichen Mexiko-Stoff politisch neutralisiert. Konwitschny hat dem Rechnung getragen und ganz ohne mexikanisches Kolorit effektsicher eine mitteleuropäische Beziehungs-Kiste aufgemacht und nahe liegende aktuelle politische Bezüge vermieden. Das hat dem Komponisten nach eigenem Bekunden Tränen der Freude in die Augen getrieben und ist in Salzburg auf ungeteilten Zuspruch gestoßen.

Basler Zeitung 30.7.2015