Iolanta und Prosepina

Ein Tschaikowsky/Strawinsky-Doppelabend zum Abschluss des Premierenreigens in Aix-en-Provence

Um Selbstbestimmung und im besonderen um erotisch-sexuelle Selbstverwirklichung von Frauen ging es heuer – mehr oder minder offensichtlich – bei allen fünf Premierenabenden der Opernfestspiele von Aix-en-Provence: Bei der verhext versexten Alcina Georg Friedrich Händels ebenso wie bei der Solistin Milica und deren fünf besten Freundinnen in Ana Sokolovićs „Svadba“ (MariageHochzeit), bei der Feenkönigin Titania in William Shakespeares und Benjamin Brittens „Sommernachtstraum“; erst recht bei Konstanze und Blonde in der „Entführung aus dem Serail“ (deren Inszenierung von Peter Kušej wg. etwas zu deutlichen Bildverweisen auf die „Martern aller Arten“ zensiert wurde). Beim fünften und letzten Premierenabend, bestückt mit Einaktern der Gebrüder Tschaikowsky und Andre Gidé sowie Igor Strawinsky, ging es – mit einer Inszenierung von Peter Sellars – noch einmal um zwei etwas andere Frauen-Aspekte.

Modest Tschaikowsky, der Bruder des Komponisten, schrieb das Libretto zu „Iolanta“. Mit ihm steht eine in einem von Felseneinöden umgebenen Garten eingeschlossene Frau im Zentrum der Handlung: Die blinde Tochter des altprovençalischer Königs René, wird in einem idyllischen Garten von der Umwelt abgeschirmt, dort auch von der Liebe überrascht. Auf dem Umweg über das Petersburg des 19. Jahrhunderts wurde dem Festival in Aix-en-Provence noch ein lokalpatriotischer Aspekt zugeführt: Jener länderreiche und kunstsinnige Graf René, der auch den Titel eines Königs von Sizilien, Neapel und Jerusalem trug, ließ 1457 sein „Buch vom liebentbrannten Herzen“ drucken und seinen Altersruhesitz Aix durch prächtige Bauten aufrüsten. René verfasste auch eine grundsätzliche Abhandlung über Ritterturniere. Er war ein bedeutender Kunstmäzen und Betreiber von literarischen bzw. wissenschaftlichen Zirkeln, selbst Maler und ein stark verspäteter Troubadour – also eine ideale Projektionsfigur auch „romantischer“ Sehnsüchte. Mit einem aparten Bläsersatz deuten die sich zunächst an.

Die Verwicklungen der mit Musik überwölbten Romanze bringen Iolanta zuerst zur Erkenntnis ihres Handicaps, dann zur Mobilisierung von Selbstheilungskräften. Die wird von Ebn-Chaki initiiert, den berühmtesten maurischen Arzt der Zeit, den Vater René bemüht. Die Prinzessin wird des Mangels an Sehkraft gewahr, indem der zufällig des Wegs kommende Graf Vaudémont sich in sie verliebt, mit ihr zu plaudern beginnt (was freilich bei Todesstrafe verboten ist!) und beim König um ihre Hand anhält. Da sich der Burgunder-Herzog, den sie ursprünglich heiraten sollte, aber ohnedies stark zu einer anderen hingezogen fühlt, steht dem Glück der durch Liebe sehend Gewordenen nichts mehr im Weg.

Peter Sellars präsentierte die naive ritterromantische Handlung – wie anschließend auch die stark stilisierte Kunde vom Schicksal der Unterweltsgöttin Persephone – als Stehtheater zwischen vier ehernen Türrahmen, die von erlesenen Steinen beschwert sind. Diese erinnern entfernt auch an Tierköpfe (haben aber mit der Story nichts zu tun). Die Blinde erblüht im blauen Abendkleid. Die Männer und die Choristen verhandeln in Schwarz. Sie informieren in den Bahnen eines aus Wagner-, Halévy- und Verdi-Partituren sowie mancherlei Oratorien des 19. Jahrhundert angefütterten Tonsatzes, dass es zwei Reiche gäbe – das der Körper und jenes der Seelen, weshalb sich auf dem bunt wechselnden Hintergrund wohl auch Schattenrisse erheben. Sie preisen am länglichen Ende nicht die Kunst des muslimischen Arztes, sondern die Gnade der Trinität. Und Peter Sellars zeigt diese Groteske als modernes Sekten-Ritual mit der anmaßenden „Demut“ eines Eingeweihten: Große Kontemplationsgesten für das von den Tschaikowskys aufbereitete Mirakel in bonbonbuntem Licht – ein optisch überzuckertes Dessert fürs Festspiel-Menü.

Dem fehlte dann nur noch der Käse. Eine Portion reife Persephone wurde serviert – also noch ein Frauenschicksal. Zugleich ein Blick auf die naturreligiösen Anfänge der griechischen Mythologie aus dem Geist der 30er Jahre-Moderne: Schräg-schöner Neoneoklassizismus.
Der Tenor Paul Groves gibt als Eumolpe sachdienliche Hinweise zur Entstehung und Nutzung der Jahreszeiten. Peter Sellars ließ sie, ebenso wie das mit rauer Stimme geklagte Ungemach der Unterweltsgöttin von einem bunten Tänzerquartett auflockern – mit rituellen Gesten und Schreittänzen asiatischer Provenienz. Teodor Currentzis lieferte mit dem Lyoneser Opernorchester eine kammermusikalisch klar strukturierte Wiedergabe der luziden Strawinsky-Partitur. Die Frage nach Sinn und Verstand der doppelten Unterwerfung unter atavistische Religiosität scheint er sich so wenig gestellt zu haben wie andere Funktionsträger bei der provençalischen Sommermusiktheaterbespaßung. Respektvoller Beifall eines zwischendurch schläfrig gewordenen Publikums.

Neue Musikzeitung, Regensburg (NMZ/online) 6.7.2015